Kurz vor dem Sprung | Blog #010

Auch das Ausreisen aus Marokko war kein Problem. Es kamen wieder drei nette Herren vom Zoll zu uns aufs Boot. Vor lauter Begeisterung über unser Vorhaben haben sie ganz vergessen das Boot zu durchsuchen und wir konnten schneller als gedacht aufbrechen.

Bis zu den Kanaren sind es etwa 400 Kilometer, das könnten wir in zwei Tagen schaffen. Wir wissen noch nicht genau wohin wir wollen, deswegen setzten wir unseren Zielpunkt zwischen Fuerteventura und der Nachbarinsel Lanzarote. Das ist ja das schöne am Boot, man braucht kein exaktes Ziel, nur eine Richtung. Und was auf dem Weg dahin passiert, kann man selbst entscheiden.

Es geht also endlich wieder raus aufs Wasser, Gott sei Dank haben wir ruhiges Wetter, sonst ist das immer so ´ne Sache mit der Seekrankheit. Kaum ist man mal eine Woche auf trockenem Boden, schon hat man das Geschaukele vergessen. Wir haben aber Glück, wir sind alle ziemlich seefest.

Es geht Dienstag den 11. Dezember in die Nacht hinein, zwei Tage später ist schon wieder Land in Sicht. Die Kanaren. Man kennt den Namen gut als Urlaubsparadies. Teneriffa ist immerhin mit fast fünf Millionen Touristen die meist besuchte Insel der spanischen Inselgruppe, gefolgt von Gran Canaria. Die Kanaren sind eine der 17 Autonomen Gemeinschaften Spaniens und gehören somit politisch zu Europa, geologisch gesehen zählen sie aber zu Afrika, da sie auf dem selben Breitengrad liegen wie die Westsahara. Man kann schon verstehen, dass hier viele ihren Urlaub verbringen; immer angenehmes Klima, unglaubliche Landschaften und nicht zu teuer. In der ferne taucht zuerst die östlichste Insel, Lanzarote auf. Eine sehr kahle und trocken Landschaft, dafür tief türkises Wasser. Auf unserem Kartenplotter sehen wir eine kleine Bucht direkt zwischen den beiden Inseln. Da wollen wir hin. Da die Kanaren ein bekanntes Anlaufziel für viele Segler sind, sind wir natürlich nicht die einzigen hier. Auch hier merkt man stark den Tourismus. An dem kleinen Sandstrand sonnen sich etliche Urlauber und genießen die warme Auszeit von der kalten Heimat.

Jetzt müssen wir mal wieder runter von unsrem Kutter. Alle Mann springen mit Badehose ins Dingi und wir düsen zum Strand. Wir haben uns schon gedacht, dass das anlanden nicht leicht wird mit dem Wellengang, deswegen haben wir ja auch unsere Badehosen angezogen.

Nachdem wir eine Flaschenpost von zwei Seglern bekommen haben, die gerade Urlaub auf Fuerteventura machen, packen wir direkt unsere Sachen und fahren in den Hafen von Corraleja. Das ist schon komisch. Man stellt ein paar Videos ins Internet, reist tausende Kilometer von daheim weg, aber trifft auf den Kanaren begeisterte Zuschauer.

Wir wollen weiter Richtung Westen. Nächstes Ziel ist der Megahafen von Gran Canaria, in der Stadt La Palmas liegt die Marina. Wir bekommen gerade so den letzten Platzt, keine andere Box ist mehr frei. Gefallen tut uns der Hafen nicht, viel zu groß, viel zu viel los. Aber wir müssen hier her, es müssen noch die letzten Arbeiten vorm Atlantik erledigt werden.

Am Mittwoch den 19. geht die Arbeit los, drei Tage haben wir zeit, danach hat unsere Box jemand anderes gebucht.

Während Tim und Tom sich auf die Suche nach Holz begeben, erledigen Vince und ich den Ultra-Einkauf. Wir müssen für vier Wochen Essen und Trinken einkaufen. Klingt nicht schwer. Im Supermarkt angekommen war man dann doch eher überfordert. Man soll 25 Liter Wasser einkaufen… Die ersten zwei Einkaufswagen sind nur mit Getränken voll, das Essen kommt alles noch. Am Ende haben wir sechs Randvolle Einkaufswagen! Erstaunlicher weiße ist das für die Kassiererin ganz normal. Gut, dass der Laden einen Lieferservice hat. Kaum eine Stunde wieder auf dem Boot, schon kommen zwei Männer mit Sackkarren angestapft und laden 12 riesige Kisten voller Essen ab.

Wir treffen viele Leute hier. Viele Langfahrtensegler aus den verschiedensten Ländern, die genau das selbe machen wie wir. Aber wir treffen auch viele Hitchhiker. Junge Erwachsene die nach ihrem Studium die Welt sehen wollen. Eigentlich auch das selbe wie wir. Auf jeden Fall wollen sie per Anhalter herum reisen. Nicht mit dem Auto sondern mit einem Boot. Wir hätten gerne jemanden mit genommen, aber wir wollten nicht mit unserer Segelerfahrung die Verantwortung für jemand anderen tragen.

Wir haben alles fertig bekommen. Jetzt hat die Eira ein neues Bett, einen Tisch im Cockpit und hinter jeder Schranktür ist Essen.

Von Gran Canaria gehts nach La Gomera. Angeblich eine wunderschöne Insel. Wir steuern den Hafen in San Sebastian an. Der Erste mit dem wir reden ist Österreicher, wir denken uns wie lustig, ausgerechnet hier trifft man einen von daheim. Noch am selben Tag stellt sich heraus, dass so ziemlich jeder hier aus Deutschland oder Österreich ist.

Weihnachten steht vor der Tür. Bei den Segeljungs läuft Last Christmas von Wham, aus der Küche duftet es so, wie es daheim an Weihnachten immer riecht. Es gibt Hühnchen.

Am Abend kommen noch unsere netten Nachbarn vorbei und schenken uns was kleines. Ein Paar Steuerbord- Backbordsocken, wie geil!

Die Weihnachtsstimmung ist vorbei und wir verlassen den Hafen, aber nicht die Insel. Uns wurde nämlich gesagt, wir müssten unbedingt den Nationalpark Garajonay besuchen. Wir lassen unser Schiff im Westen der Insel stehen, in der Minimarina von Valle Gran Rey. 

Wir sind so frei und mieten uns ein Mietauto, hätten wir das nicht gemacht, hätten wir wirklich was verpasst.

Die Insel ist ein einziger Berg. Es geht enge Passstraßen hinauf. Durch einen grünen Jungel wo die Bäume bis in die Straße herein hängen, wo man Angst haben muss, dass gleich ein Affe auf dich zu springt. Die Natur verändert sich ständig, auf einmal ist man in einem Wald voller blätterlosen Bäumen, alles sieht verbrannt aus. Die Straße geht weiter. Hinter der nächsten Kurve taucht auf einmal ein riesiger Gesteinsbrocken auf. Ist man jetzt in Kanada? Felsige Landschaften und Nadelbäume. Wie gern wir die Insel per Fuß durchquert hätten, aber der Atlantik wartet geduldig und einige Sachen müssen noch erledigt werden.