Atlantik | Blogpost #011

Wie weit ist es eigentlich nach Martinique? Man kann sich das gar nicht so richtig vorstellen. 3000 Seemeilen oder 6000 Kilometer. Von daheim nach München sind es 100 Kilometer, eine Stunde dauert das etwa. Da hat man schon oft die Augen verdreht. Was soll man also bei einer Atlantiküberquerung machen? Wir wissen es jetzt: nichts. Man braucht erst garnicht versuchen sich mit irgendetwas zu beschäftigen, das ist vielleicht für die ersten drei, vier, fünf Tage ganz schön und gut, aber dann ist es auch vorbei. Und man hat noch vier mal so lange vor sich…

Die ersten Tage waren der Horror. Der Start in die Atlantiküberquerung ging mit knapp 30 Knoten Halbwind, vier Meter Welle und schlechtem Wetter los. Nach der dritten Nacht mit endloser Schaukelei und heulendem Wind sieht man in jedem Gesicht die Schlaflosigkeit und das „Was mach ich hier eigentlich?“. Mit der vollen Ölzeugmontur sitzt Tim hinter dem Steuer, die Sonne geht gerade am Horizont auf, die dichten Wolken lösen sich auf. Es kommt immer mal wieder eine Welle in das Cockpit herein geschwappt, alles ist nass. Man zuckt bei jedem Ruck ein bisschen zusammen, weil man denkt es kommt die nächste Dusche. So haben wir uns das nicht vorgestellt.

Aber was soll’s, auch das schlimmste Wetter geht einmal vorbei. Die See beruhigt sich wieder am fünften Tag und wir fahren einen angenehmen Raumkurs, man kann sogar nur in Badehose auf dem Vordeck liegen. Die gute Laune ist wieder da, wir vergessen fast, dass wir hier noch drei Wochen sitzen. Gerade wo jeder ein bisschen dahin döst, hören wir ein Geräusch,

welches einem Pusten ähnelt. Einem lautem Pusten. Kaum zu glauben aber es ist gerade wirklich ein riesiger Wal neben uns aufgetaucht! Ist das gerade wirklich passiert?? Alle springen auf, rennen auf’s Vordeck und halten Ausschau. „Da, er kommt direkt auf uns

zugeschossen!“. Was für ein Glück haben wir, dass ein 10-12 Meter langer Blauwal uns für mehrere Stunden begleitet und Kunststücke unter unserem Boot zieht! So kann die Überquerung gerne weiter gehen.
Gut geschlafen werden wir ziemlich früh von Tim geweckt. Es gibt schlechte Neuigkeiten. Das Großsegel hat einen Riss! Schei*e! Uns bleibt nicht viel übrig als es zu flicken, haben ja alles da. Wir kleben auf jede Seite einen Streifen aus Segelstoff über den Riss und vernähen die drei Schichten. Eine wahnsinns Arbeit aber gegen Abend sind wir fertig und können das Groß wieder hoch ziehen. Falls es nicht halten sollte könnten wir zur Not auf den Kap Verden Halt machen.

Die Tage gehen so dahin, die hälfte ist schon geschafft. Man ist längst in einem Rhythmus drin, einer täglichen Routine. Man steht ziemlich früh auf, weil einen die Sonne weckt, macht sich einen Tee zum wach werden, schnappt sich ein Buch oder die Gitarre und relaxt den restlichen Tag.

Wir sind uns alle einig, Segeltechnisch ist der Atlantik keine große Herausforderung. Durch den konstanten Ost-Passatwind kann man dauerhaft in der Butterfly-Stellung fahren und muss sich auch um die Windstärke nicht sorgen, wir hatten immer zwischen 17 und 25 Knoten.

Da sind wir also. 300 Meilen vor Martinique, noch knapp zwei Tage, dann ist es geschafft. Wind und Wetter sind ein bisschen schlechter geworden, es kommen immer wieder eklige Regenschauer. So sah für uns die Karibik nicht aus, da fehlt der blaue Himmel und die strahlende Sonne. Gerade wo sich alle mit einem Tee im Salon aufwärmen wechselt die Windrichtung, sodass die Segel von der falschen Seite angeweht wurden. Wir sind noch nichtmal aus dem Niedergang heraus, auf einmal kracht es. Es war so ein Krachen, bei dem man nichts gutes erhoffen konnte. Tatsächlich war es nichts gutes. Unser Großbaum ist durch den enormen Druck des Windes in zwei gebrochen. Es kam leichte Panik auf, schnell das Segel bergen und den Baum retten. Nicht einfach bei strömenden Regen, rutschigem Deck und nervigem Wellengang. In solchen Situationen merkt man, wo man gerade ist; dass Segeln nicht nur schönes Wetter, super Wind und Delphine ist.

Nachdem sich die Situation wieder beruhigt hat, haben wir die Bedeutung von „Lobt den Tag nicht vor dem Abend“ verstanden, denn der Tag war noch nicht vorbei. Mitten in der Nacht bei Michi’s Nachtschicht schlug auf einmal der Plotter Alarm. Winddaten fehlen, Ruderposition nicht vorhanden, Autopilot ausgefallen. Der Horror im ersten Momente! Der Atlantik will uns wohl doch noch auf die Probe stellen. Aber viel wichtiger: wie beheben wir das Problem wieder? Vorerst heißt es Hand ans Steuer legen, falls die Elektrik schuld ist können wir erstmal eh nicht viel daran ändern.

Die Stunden bis zum Ziel wurden kürzer, die zurückgelegten Meilen stiegen. Endlich war Land zu sehen! Zwar nicht so spektakulär, wie wir es uns vorgestellt haben, aber es war da. Es war erreichbar. Die Strände neben uns gaben uns eine Vorstellung von der bevorstehenden Zeit in der Karibik. Jetzt geht der Sommer los.